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(Von Waltraud Froihofer)

Auf der Suche nach einer "steirischen Kost"

Beim Blick in die Vergangenheit zeigt sich, dass für die Zeit vor der Industrialisierung hauptsächlich Aufzeichnungen über die Nahrung höherer sozialer Schichten und Speisenfolgen für Festtage zu finden sind. Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert wird auch die Ernährungssituation in unteren Schichten greifbar. Die Kost im bäuerlichen Bereich war im Wesentlichen geprägt von wenig reichhaltiger, eintöniger Werktagskost aber umso aufwendigerer Festtagskost mit bis zu zehn und mehr Speisenfolgen. Diese durchaus auch von Statusdenken geleiteten Festessen erlebten im Verlauf des 19. und beginnenden 20. Jh. durch wirtschaftliche und soziale Veränderungen eine Vereinfachung. Bäuerliche Kost wurde von volkskundlicher Seite als speziell traditionsverhaftet und beharrend angesehen und man glaubte, hierin Regionaltypisches besonders finden zu können. Allerdings waren die regionalen, zeitlichen und schichtspezifischen Unterschiede auch in der ländlichen Ernährungsweise groß. Angewendete Möglichkeiten der Vorratshaltung, Statusdenken, bevorzugte Wirtschaftsweise, Haushaltsstruktur (dienstbotenführender oder Taglöhner beschäftigender Betrieb, Familienbetrieb), individuelle Vorlieben, Stadt-Land-Beziehung und vieles mehr führten zu einem vielgestaltigen Bild von ländlicher Kost.

Deshalb kann nur mit Vorbehalt von einer "steirischen Kost", von einer typisch "Österreichischen Küche" gesprochen werden. Es können mitunter zwar, so Tolkstorf, regionale Unterschiede in der Art der Zubereitung von Nahrungsmitteln und im Bevorzugen eines bestimmten "Gewürzkomplexes" festgestellt werden, Essen hält sich allerdings nicht an nationale Grenzen auch nicht an Bundesländergrenzen.

Essen - mehr als bloße Nahrungsaufnahme

Was und wie jeder einzelne von uns isst und trinkt ist weder naturhaft vorgegeben noch zufällig sondern kulturbedingt und damit von vielen Faktoren abhängig: z.B. soziales Umfeld, wirtschaftliche Gegebenheiten, konkretes Nahrungsmittelangebot, religiöse Tabus, Einkommen, erlernte Ernährungsgewohnheiten, Erziehung, Prestigedenken etc. Auch unser Geschmack ist kulturgeprägt, und nur selten ist Nahrung reiner Kalorienlieferant für körperliches Überleben. Als historisches Beispiel können hier die dienstbotenführenden Bauern erwähnt werden: ihr örtliches Ansehen hing zu einem großen Teil an der Verköstigung der Dienstbotenschaft; schlechte Kost sprach sich bald herum. Im Rahmen der planwirtschaftlichen Regelung der gesamten Wirtschaft im 16. - 18. Jh. (Merkantilismus) kam es zum Erlass von Speisenordnungen; Menge und Art der Speisen wurden vor allem für Feste dem gesellschaftlichen Rang entsprechend festgelegt. Für die Oberschichten gehörte Essensluxus bis ins beginnende 19. Jh. zum Statussymbol.

Nicht alles was in einer Kultur an Essbarem vorhanden ist, wird unweigerlich von jedem gegessen; nicht jedes Nahrungsmittel ist beispielsweise aus finanziellen Gründen für jeden verfügbar. Wir wählen aus. Über die Nahrung können wir uns von anderen gesellschaftlich abheben und können sie gezielt zu unserem Mittel der Unterscheidung machen. Essen dient der Befriedigung sozialer Bedürfnisse.

"Esskultur"

Im 19. Jahrhundert führte die um sich greifende Industrialisierung zu Veränderungen im Ernährungsbereich. Die oberschichtliche "Esskultur" mit zeitlich ausgedehnten Mahlzeiten im Familienkreis, umfangreichen Verhaltensvorschriften und Anstandsvorstellungen bei Tisch unterschied sich deutlich von der Mahlzeitsituation der Arbeiter. Durch die Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz und die sehr kurz gehaltenen Essenspausen in den Industriebetrieben mussten sie die Mahlzeiten außer Haus einnehmen. In Folge nahm das Kantinen- und Imbisswesen einen Aufschwung. Im 20. Jahrhundert kam es zu einer Lockerung dieser bürgerlichen Verhaltensvorschriften und zu einer Angleichung proletarischer und bürgerlicher Vorstellungen. Eine allgemein verbindliche Norm gibt es allerdings nicht. Wir bewegen uns heute in einer "Vielzahl von Mahlzeitsystemen" und lernen, wie wir uns bei einem Gala Diner, in der Würstelbude, bei Mc Donalds, zuhause oder im Wirtshaus verhalten sollten.

Ernährungsweisen - ein stetiger Wandel

Ein Blick in die Kochbuchregale der Buchhandlungen lässt derzeit eine große Lust nach Exotik erkennen. Es reihen sich Kochanleitungen für Speisen aus Ländern aller Welt, neben "Feng Shui Food", und "Omas Spezialitäten", letzteres als Exotik des Eigenen. Kochen mit dem Wok steht heute hoch im Kurs und "Chinesisches" ist bereits heimisch. Der momentane Trend zur Ethnisierung unserer Lebensbereiche bedient sich auch aus dem Fundus des Eigenen: Die Spätzle aus dem "Holzhackerpfandl" im Nobelrestaurant verweisen darauf, ebenso die Verfassung der Speisekarte im Dialektgemisch, oder die verstärkte Präsenz von als regionaltypisch ausgewiesenen Speisen.

Kochen wird zum Ereignis gemacht - nicht nur im Fernsehen, wo uns in Kochshows prämierte Köche spielerisch und mit viel "fun" außergewöhnliche Gerichte zaubern, sondern auch gelegentlich zuhause mit Freunden oder am Wochenende mit der Familie. Die neue Ästhetik bei Kücheneinrichtungen wiederspiegelt diese Entwicklung: Blitzblanke Edelstahleinbaugeräte, formvoll gestaltete Dunstabzüge aus Glas und Küchenutensilien als dekorativer Blickfang am Relingsystem. Kochen und Essen als Event hat wohl damit zu tun, dass kaum noch jemand die Zeit hat, dem bürgerlichen Ideal entsprechend täglich ein/zwei Stunden in der Küche Essen vorzubereiten. Auch das Mittagessen mit der gesamten Familie einzunehmen, ist nur an bestimmten Tagen (Wochenende, Urlaub, Feiertage) möglich und wird als etwas Besonderes betrachtet - in bäuerlichen Familien ebenso wie in anderen. Wenn wir Essen gehen, gehen wir nicht bloß Essen, sondern entscheiden wo wir es tun werden- beim "Italiener", "Griechen", "Chinesen", "Türken" oder beim "Kirchenwirt" und denken klischeehaft sogleich an Pizza, Gyros, Süß-Saures Hühnerfleisch, Dönerkebab und Kaiserschmarrn.

Ernährungsweisen waren und sind laufend in Bewegung, wenn wir uns auch die Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart oft als weniger wechselvoll vorstellen wollen.

Literaturhinweise:

  • Anni Gamerith: Speise und Trank im südoststeirischen Bauernland (= Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie 1), Graz 1988.
  • Ingrid Kretschmer: Haustrunk - Most, Bier, Wein im bäuerlichen Haushalt (= Kommentar zum ÖVA 3. Lieferung, 1968, Blatt 44), Wien 1971.
  • Franz Maier-Bruck: Vom Essen auf dem Lande. Das große Buch der österreichischen Bauernküche und Hausmannskost; Wien 1988.
  • Roman Sandgruber: Die Anfänge der Konsumgesellschaft. Konsumgüterverbrauch, Lebensstandart und Alltagskultur in Österreich im 18. und 19. Jahrhundert (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien 15) Wien 1982.
  • Roman Sandgruber: Sozialhistorische Aspekte der Nahrungsvolkskunde. Haushaltsstruktur und Ernährung in Österreich im 18. Jahrhundert; in: Hermann Bausinger, Konrad Köstlin (Hg): Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte des Dinggebrauchs; Regensburg 1983; S. 97-110.
  • Ulrich Tolkstorf: Nahrung - Not und Überfluss; in: Hermann Bausinger, Konrad Köstlin (Hg): Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte des Dinggebrauchs; Regensburg 1983; S: 79-91.
  • Ulrich Tolkstorf: Nahrungsforschung; in: Rolf W. Brednich (Hg): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie; Berlin 1994; S. 229-242.

 

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