    "Esskultur" Im 19. Jahrhundert führte die um sich greifende Industrialisierung zu Veränderungen im Ernährungsbereich. Die oberschichtliche "Esskultur" mit zeitlich ausgedehnten Mahlzeiten im Familienkreis, umfangreichen Verhaltensvorschriften und Anstandsvorstellungen bei Tisch unterschied sich deutlich von der Mahlzeitsituation der Arbeiter. Durch die Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz und die sehr kurz gehaltenen Essenspausen in den Industriebetrieben mussten sie die Mahlzeiten außer Haus einnehmen. In Folge nahm das Kantinen- und Imbisswesen einen Aufschwung. Im 20. Jahrhundert kam es zu einer Lockerung dieser bürgerlichen Verhaltensvorschriften und zu einer Angleichung proletarischer und bürgerlicher Vorstellungen. Eine allgemein verbindliche Norm gibt es allerdings nicht. Wir bewegen uns heute in einer "Vielzahl von Mahlzeitsystemen" und lernen, wie wir uns bei einem Gala Diner, in der Würstelbude, bei Mc Donalds, zuhause oder im Wirtshaus verhalten sollten. Ernährungsweisen - ein stetiger Wandel Ein Blick in die Kochbuchregale der Buchhandlungen lässt derzeit eine große Lust nach Exotik erkennen. Es reihen sich Kochanleitungen für Speisen aus Ländern aller Welt, neben "Feng Shui Food", und "Omas Spezialitäten", letzteres als Exotik des Eigenen. Kochen mit dem Wok steht heute hoch im Kurs und "Chinesisches" ist bereits heimisch. Der momentane Trend zur Ethnisierung unserer Lebensbereiche bedient sich auch aus dem Fundus des Eigenen: Die Spätzle aus dem "Holzhackerpfandl" im Nobelrestaurant verweisen darauf, ebenso die Verfassung der Speisekarte im Dialektgemisch, oder die verstärkte Präsenz von als regionaltypisch ausgewiesenen Speisen.
Kochen wird zum Ereignis gemacht - nicht nur im Fernsehen, wo uns in Kochshows prämierte Köche spielerisch und mit viel "fun" außergewöhnliche Gerichte zaubern, sondern auch gelegentlich zuhause mit Freunden oder am Wochenende mit der Familie. Die neue Ästhetik bei Kücheneinrichtungen wiederspiegelt diese Entwicklung: Blitzblanke Edelstahleinbaugeräte, formvoll gestaltete Dunstabzüge aus Glas und Küchenutensilien als dekorativer Blickfang am Relingsystem. Kochen und Essen als Event hat wohl damit zu tun, dass kaum noch jemand die Zeit hat, dem bürgerlichen Ideal entsprechend täglich ein/zwei Stunden in der Küche Essen vorzubereiten. Auch das Mittagessen mit der gesamten Familie einzunehmen, ist nur an bestimmten Tagen (Wochenende, Urlaub, Feiertage) möglich und wird als etwas Besonderes betrachtet - in bäuerlichen Familien ebenso wie in anderen. Wenn wir Essen gehen, gehen wir nicht bloß Essen, sondern entscheiden wo wir es tun werden- beim "Italiener", "Griechen", "Chinesen", "Türken" oder beim "Kirchenwirt" und denken klischeehaft sogleich an Pizza, Gyros, Süß-Saures Hühnerfleisch, Dönerkebab und Kaiserschmarrn. Ernährungsweisen waren und sind laufend in Bewegung, wenn wir uns auch die Vergangenheit im Vergleich zur Gegenwart oft als weniger wechselvoll vorstellen wollen.
|
  | | |